Wozu brauchen wir eigentlich Konzerne?

Gepostet von am 1 Jul 2017

Wozu brauchen wir eigentlich Konzerne?

 

 

Wozu brauchen wir Konzerne?

Oder: Freiheit ist überbewertet

 

 

 

Als ich in einem jungen Unternehmen arbeitete, das sich nach 5 Jahren immer noch als Start-Up bezeichnete, hörte ich den folgenden Satz ziemlich oft:

„Wir sind hier doch kein Konzern!“

 

Der Satz fiel meist dann, wenn es um Prozesse und Regeln ging, um Formulare und um Zuständigkeiten.

 

Wollen viele Mitarbeiter in kleinen und mittleren Unternehmen keine starren Regeln, so liebäugeln sie doch mit den Vorteilen, die eine große Organisation mit sich bringt. Dinge wie Jobticket, Besuche von Kongressen, Gleitzeit, Überstundenregelung oder Sonderurlaub sind gerne gesehen. Dass diese eben geregelt sein müssen, scheint vielen nicht klar zu sein.

 

Sicherheit versus Freiheit

 

Konzerne haben einerseits keinen guten Ruf. Sie gelten als träge, bürokratisch, unmenschlich und „renditegeil“. Dennoch sind es die Konzerne, die man regelmäßig unter den beliebtesten Arbeitgebern findet – wohl deshalb, weil sie starke Marken sind, die jedes Kind kennt. „Ich arbeite bei SAP“, klingt einfach imposanter als „Ich arbeite bei der VoGo GmbH.“

 

Ein anderer Grund ist vermutlich der, dass man bei Konzernen weiß, was man bekommt. Auch wenn die Zeiten von 14 fixen Gehältern und anderen „Goodies“ vorbei sind, hat man, Dank starkem Betriebsrat, ein gewisses Sicherheitsgefühl. Dieses stören auch Statistiken nicht, die sagen, dass Konzerne unterm Strich Arbeitsplätze abbauen, während der Mittelstand die meisten Jobs kreiert. Sollte man betroffen sein von einer Stellenstreichung, kann man auf großzügige Abfindungen hoffen. Und außerdem: Betriebsrente und Co. bekommt man dennoch, wenn man nur lange genug dabei war.

 

Konzerne und neue Arbeit gehen nicht zusammen

 

In seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ schreibt Frithjof Bergmann folgendes über große Unternehmen:

„Es ist sonderbar, aber nicht zu leugnen (…), dass die Zeit der Riesenunternehmen „einfach vorbei“ ist. Die Kultur der meisten Mega-Unternehmen mit ihren ausgeprägten Hierarchien, ihren starren Formalitäten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos.“

 

Thomas Sattelberger, ehemals Vorstand in drei verschiedenen DAX-Unternehmen, sagte vor kurzem:

 

 

Konsequenter Weise kann man hier hinzufügen, dass das auch für Start-Ups und andere Unternehmen gilt, die von Investoren abhängig sind. Die Rendite ist dann wichtiger als es die Menschen sind.

 

Ich stimme Thomas Sattelberger weitestgehend zu, der außerdem immer wieder sagt:

„Auch große Unternehmen dürfen sterben.“

 

Und dass Unternehmen von der Landkarte verschwinden, haben wir in den letzten Jahren ausführlich erlebt: Arcandor, Praktiker, Holzmann, Schlecker gingen pleite. Andere Größen wie die Dresdner Bank, Mannesmann oder Kaiser’s Tengelmann verschwanden durch Deals von der Bildfläche.

 

Wozu wir Konzerne brauchen

 

Dennoch glaube ich, dass es Konzerne auch zukünftig geben muss! Für die Menschen, denen Sicherheit am allerwichtigsten ist. Angesichts der erwähnten Entwicklungen kann das zwar ein Trugschluss sein, aber Menschen denken nicht so. Sie glauben daran, dass sie selbst nicht betroffen sind, wenn es hart auf hart kommt. Und dass es jemanden geben wird, der sich um sie kümmert, zur Not der Staat. Zweckoptimismus ist eine positive Eigenschaft, keine Frage.

 

Während sich kleine und mittlere Unternehmen also auf den Weg machen, die Arbeit der Zukunft menschlicher zu gestalten, indem sie unter anderem (und im besten Fall) auf Freiheit und auf jeden Einzelnen setzen, werden Konzerne, wenn überhaupt, erst ganz zum Schluss spürbare Veränderungen herbeiführen. Auch deshalb, weil sie einfach sehr lange brauchen, um den Tanker in eine neue Richtung zu steuern.

 

Spart es euch, liebe Konzerne, denn alle Versuche sind vermutlich Alibi-Aktionen! Bleibt bei euren Konzepten und Traditionen, seid ein sicherer Hafen für Menschen, die diesen brauchen – oder ergebt euch irgendwann dem Markt, der euch nicht mehr braucht!

 

– meint die Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Konzernlenker (und andere) können einfach mal diese 44 Fragen beantworten.

PPS: Es gibt positive Ausnahmen, zum Beispiel dieses IT-Unternehmen in Indien.

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile begann ihre Karriere in einem deutschen Konzern, der weit über 100 Jahre als feste Burg galt – und jetzt schwächelt. Sie hat in Unternehmen (fast) aller Größen im In- und Ausland gearbeitet und hebt sich als Unternehmerin heute von diesen ab – mit Herz.

Mehr über Gaby Feile

 

 

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