Die unbewohnte Insel

Gepostet von am 28 Jul 2017

Die unbewohnte Insel

 

 

Die unbewohnte Insel

Eine Geschichte über Mut, Einsamkeit und Glück

 

 

 

Auf einer Insel im Ozean lebten seit vielen Generationen Menschen zusammen. Sie hatten dort ihre Heimat, ihre Familien und ihr Auskommen. Es gab selten Not, hin und wieder Wetterkapriolen, manchmal misslungene Ernten – aber alles in allem waren die Menschen zufrieden.

 

Von Zeit zu Zeit besuchten sie die Bewohner der anderen Inseln in der Nachbarschaft oder diese kamen zu ihnen. Die Besuche fanden eher aus Höflichkeit statt, weniger um sich gegenseitig zu unterstützen. Aber: es gab auch keine Feindschaften. Stattdessen fanden sich häufig Paare zusammen, sodass sich neue Verwandtschaften ergaben.

 

Eines Tages verschwand einer der Inselbewohner und keiner wusste, wo er war. Was bekannt war: er war mit dem Boot losgefahren zum Fischen. Fast drei Tage blieb er verschwunden und als er wiederkam war er sehr aufgeregt. Er strahlte fröhlich und überschlug sich fast, als er erzählte, was ihm passiert war:

 

Beim Fischen hatte er eine Pause gemacht und war eingedöst. Sein Boot wurde daraufhin abgetrieben und er fand sich, als er aufwachte, in der Nähe einer Insel, die er noch nie gesehen hatte. Er betrat die Insel und war sich sicher, schnell auf ihre Bewohner zu treffen. Doch dort war niemand. Die Insel war unberührt und wunderschön. Er erkundete sie und währenddessen fielen ihm wie von selbst Dinge ein, die er auf dieser Insel machen könnte. Es waren Dinge, die er zuvor noch nie gemacht hatte, aber hier, in dieser Umgebung, schienen sie ihm natürlich und machbar. Er fasste einen Plan und machte sich auf zurück in seine Heimat.

 

Dort sprudelte es aus ihm heraus:

 

„Lasst uns doch mal etwas Neues wagen! Ich habe viele Ideen, die unser Leben hier besser machen werden. Wir werden weniger hart arbeiten müssen und können uns neuen Aufgaben widmen. Unseren Kindern können wir neue Fähigkeiten beibringen und wir selbst können uns ebenfalls weiterentwickeln!“

 

Es war so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Die Menschen starrten ihn an, als ob er verkündet hätte, die Erde sei eine Kugel! Sie runzelten die Stirn warfen sich gegenseitig vielsagende Blicke zu oder blickten betreten zu Boden. Irgendwann sagte einer der Ältesten: „Wir leben jetzt schon so lange hier auf unserer Insel, uns geht es gut, wir brauchen nichts Neues. Und jetzt gehen wir alle wieder an die Arbeit!“

 

Die Gruppe löste sich auf. Zurück blieb der Heimgekehrte und fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Warum sind die Leute bloß so ablehnend? Ich will ihnen doch nichts Böses. Im Gegenteil, es wird uns allen besser gehen, wenn wir uns neuen Dingen zuwenden. Er drehte sich resigniert um und sah hinter sich eine junge Frau stehen. Sie lächelte und fragte: „Welche Ideen hast du denn so? Ich möchte gerne mehr davon hören!“

 

Der junge Mann war überrascht und erzählte ihr dann von der Insel und davon wie er sich das Leben dort vorstellte. Er schloss damit, dass er sagte, er werde dahin zurückkehren und an seinen Ideen arbeiten. Anfangen werde er damit, sich eine Unterkunft zu bauen aus einem Material, das sie hier auf der Insel als unnütz betrachteten. Dort gab es sehr viel davon und er hatte gesehen wie stabil und gleichzeitig flexibel das Material war.

 

Er verabschiedete sich von der Frau, fing an, seine Sachen zu packen und fuhr am nächsten Morgen los in Richtung neue Insel. Anfangs kam er abends wieder zurück, später blieb er immer länger dort und irgendwann kehrte er nicht mehr zurück auf die alte Insel. Zu wohltuend war es für ihn, in dieser Umgebung kreativ zu sein und sich auszutoben. Es gab keine Regeln, niemanden, der ihn bevormundete oder kritisierte und auch keinen, der ihm Fehler vorwarf. Kurzum: alles war so, wie er sich das immer gewünscht hatte, ohne es zu wissen.

 

Fast: denn auf Dauer war es ihm zu einsam. Das war auch der Grund, warum er vor Freude juchzte als er eines Tages am Horizont ein Boot sah. Besuch! Je näher das Boot kam, desto deutlicher sah er die Person darin. Es war die junge Frau, die sich für seine Ideen begeistert hatte – und das immer noch tat. Sie hatte beschlossen, ihm zu folgen und musste sich von ihrer Familie dafür viel Kritik anhören. Aber sie ließ sich nicht abbringen und fragte ihn stattdessen: „Was kann ich tun?“

 

Die Zeit verging und auf der Insel entstanden viele neue Dinge, die vorher noch nie jemand gemacht hatte: sie aßen andere Lebensmittel, stellten aus Pflanzen und Muscheln Dinge her, mit denen sie wieder neue Dinge gestalten konnten, verbrachten Zeit mit Musik und Poesie und diskutierten über viele Themen. Ja, sie bekamen Kinder und gaben ihnen Aufgaben. Und ja, sie hatten Durststrecken und zweifelten immer wieder daran, ob das alles richtig war, was sie taten. Aber: sie waren glücklich.

 

Und nach ein paar Jahren passierte etwas: Es näherte sich ein Boot, in dem mehrere Menschen saßen. Bei genauerem Hinsehen erkannten sie ein paar ihrer früheren „Mitbewohner“. Sie begrüßten sie herzlich und warteten ab, was sie wollten. Es dauerte ein bisschen, doch dann fragte eine von ihnen:

 

„Dürfen wir hierbleiben?“

Autorin: Gaby Feile

 

 

Über die Autorin:

Für Gaby Feile ist Neudenken wie eine unbewohnte Insel. Es gibt keine Altlasten und keine Regeln. Neumachen heißt für sie: säen, hegen, warten, Risiken eingehen und ernten! Neudenker & Neumacher tun all das hier.

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