Die Start-up-Omas der Generation Z

Gepostet von am 3 Aug 2017

Die Start-up-Omas der Generation Z

 

 

Feel-good WAS?

Von Start-up-Omas und der unmotivierten Generation Z

 

 

 

Bis vor kurzem hatte ich noch nie etwas von Start-up-Omas gehört. Die ZEIT vom 20. Juli 2017 widmete eine ganze Seite zwei Berlinerinnen, die in einem Start-up arbeiten. Es entwickelt Software für Kommunen, um den öffentlichen Nahverkehr zu optimieren. Mit Anfang 50 sind beide die Ältesten im Unternehmen und bekochen die jungen, sehr gut ausgebildeten Mitarbeiter aus der ganzen Welt. Sie seien ein „wichtiger Benefit“ sagt ein Mitarbeiter über die beiden Start-up-Omas. Aha!

 

Bundesweit, so heißt es im Artikel, hat jedes zehnte junge Unternehmen in Deutschland eine*n (ältere*n) Mitarbeiter*in, der/die dafür zuständig ist, die Mitarbeiter glücklich zu machen und sie zu motivieren. In manchen Unternehmen heißen sie Feel-good-Oma oder Feel-good-Managerin. Wobei letztere nicht immer „Omas“ sind. Der Übergang ist wahrscheinlich fließend. Im Ernst: alleine die Schreibweise dieser künstlichen Begriffe verursacht ein Jucken bei mir.

 

Mischung aus Führungskraft und Mädchen für alles

 

Laut Gründerszene.de sind Personen (sie sind wohl fast immer weiblich), die diese Aufgabe haben, so genannte Wohlfühlhelfer, die für Teamgeist sorgen und dafür, dass der Stress ausgeglichen wird und die Leute weniger krank sind. Sie helfen außerdem dabei, Talente im Unternehmen zu halten.

 

Weitere Aufgaben sind: Geburtstagsgeschenke besorgen, Gäste bewirten, das „Onboarding“ neuer Mitarbeiter vorbereiten, Sportturniere organisieren etc.

 

Bei Karriereführer.de findet sich eine Kurzbeschreibung des „Berufes“:

 

Eine Ausbildung gibt es bisher nicht, aber gute Chancen haben Wirtschaftswissenschaftler mit einem Hang zur Personalarbeit.

 

Voraussetzung für den Job sind: Offenheit, Teamfähigkeit sowie Motivations- und Begeisterungsfähigkeit. Hilfreich sind außerdem Erfahrungen im Event- und Organisationsbereich, Konfliktmanagement, Sport und Coaching.

 

Klingt für mich wie die Stellenanzeige für einen Job als Animateur*in im Robinson Club!

 

Und was ist mit den Omas?

 

Jetzt aber zurück zum Ausgang: Mit den Start-up-Omas aus Berlin hat die o.g. Beschreibung nicht viel zu tun. Denn weder haben die beiden sympathischen Damen ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert, noch sind sie Coaches. Aber sie können kochen – und tun das zwei Mal in der Woche fürs Team. Das Ganze übrigens als Minijobberinnen, also für bis zu 450 Euro im Monat!

 

„Das lohnt sich für Unternehmen, weil es viel bringt und wenig kostet“, so ähnlich drückt es Christian Scholz aus, der an der Uni Saarbrücken Personalmanagement lehrt. Er glaubt, dass diese Art „Benefit“ die Motivation der Mitarbeiter erhöht! Er sagt auch, dass die Generation Z das verlange.

 

 

Start-up Oma exotisch

 

 

Wer motiviert nun wen?

 

Schade, dass auch in Start-ups immer noch geglaubt wird, dass man Menschen motivieren könne. Es sollte sich doch mittlerweile rumgesprochen haben, dass es darum geht, Menschen nicht zu demotivieren. Ich dachte immer, in Start-ups geht es um eine Vision für eine bessere Welt. Da ist man doch automatisch motiviert, oder nicht?

 

Die beiden Start-up-Omas in Berlin scheinen sich jedenfalls wohlzufühlen. Haben sie doch teilweise erschreckende Erlebnisse in der Arbeitswelt hinter sich – in schlecht bezahlten Jobs, die körperlich anstrengend waren und für die es keine Anerkennung gab. Hier, in der coolen Umgebung, geht es ihnen gut, sie können sehr entspannt und selbstbestimmt arbeiten. Etwas, das wir uns doch alle wünschen, oder?

 

Schweren Herzens getrennt

 

Doch auch hier gibt es eine Geschichte, die jemand anders erzählt. Die 71-jährige Vorgängerin der beiden „Omas“, denkt mit sehr gemischten Gefühlen an ihre 3 Jahre im Start-up zurück. Von stehenden Ovationen erzählt sie, die sie beim Business Lunch für ihr Paprikasüppchen bekam. Sie bedankte sich daraufhin auf Englisch bei allen und scheint noch heute von diesem Erlebnis zu zehren. Helfen tun ihr mehrere Fotoalben, die sie über ihre Zeit dort angelegt hat.

 

Freiwillig hätte sie wohl niemals gekündigt. Aber nach einem mehrtägigen Betriebsausflug, der auch für sie zum Erholen gedacht war, wurde ihr nahe gelegt, nicht mehr zu kommen! Sie hatte fast die ganze Zeit durchgearbeitet und um eine Pause gebeten. Die Begründung für die Kündigung: Ihre Leistung habe nicht mehr gestimmt. Ersetzt wurde sie durch zwei Jüngere.

 

Kommplizen-Box für dich

 

Alle gewinnen?

 

Mich stören mehrere Dinge an dieser Geschichte, am stärksten die Art und Weise, mit der man diese Entwicklung als positiv darstellt. Im gesamten Artikel gibt es keine Kritik an dieser Praxis, stattdessen wird das Start-up über den grünen Klee gelobt, obwohl man nichts darüber liest, ob sie schon Geld verdienen oder wie viel Verlust sie bisher ausgewiesen haben. Auch erfährt man nicht, wie es den anderen Mitarbeitern dort geht. Auf Kununu habe ich die Firma nicht gefunden, um das herauszufinden.

 

Und außerdem:

 

  • Wie kann es sein, dass Arbeiten immer noch so ein schlechtes Image hat, dass man Menschen dazu motivieren muss?

 

  • Was heißt es eigentlich, in einem Unternehmen zu arbeiten, in dem jemand gegen Geld dafür sorgen muss, dass es allen im Unternehmen gut geht?

 

  • Was sagt es über Unternehmer und Führungskräfte aus, die es anscheinend nicht als ihre Aufgabe ansehen, ihren Mitarbeiter*innen ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich entfalten können?

 

  • Und dafür schlecht bezahlte Mitarbeiter*innen einstellen, an die sie das delegieren?

 

  • Warum fällt klugen Gründer*innen, die die Welt verbessern wollen, kein besseres Konzept ein, um junge und talentierte (und vielleicht auch ältere) Menschen anzuziehen?

 

  • Was ist das für eine Generation, die von ihrem Arbeitgeber eine Rundum-Betreuung erwartet?

 

  • In welcher Welt leben wir, wenn Start-ups Niedriglöhner beschäftigen und auf der anderen Seite von Investoren mit Geld zugeschüttet werden?

 

  • Was heißt das in der Konsequenz für Frauen, die ja meist in diesen Jobs arbeiten?

 

  • Und warum finden das viele scheinbar völlig normal?

 

– all das fragt sich deine Kommplizin Gaby Feile

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile hat wirklich geglaubt, dass Start-ups die Fehler der „alten“ Unternehmen vermeiden. Und ist enttäuscht, wenn sie von solchen Entwicklungen hört. Was wohl ihre Kommplizen dazu sagen?

Mehr über Gaby Feile

 

 

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