Die Wirtschaft braucht mehr Herz!

Gepostet von am 6 Sep 2017

Die Wirtschaft braucht mehr Herz!

 

 

Ohne Herz sind wir tot!

Die Wirtschaft braucht mehr Herz – unbedingt

 

 

 

März 1975

 

An einem Freitag Nachmittag gegen 16 Uhr fährt ein roter Ford Capri mit leicht überhöhter Geschwindigkeit auf der Landstraße in Richtung Stadt. Am Steuer sitzt ein junger Mann mit schulterlangen, leicht gelockten Haaren – wie sie halt in Mode sind. Er ist sichtlich nervös und redet nichts.

 

Neben ihm sitzt eine junge Frau. Ihr sieht man deutlich an, dass es ihr nicht gut geht. Voller Angst hängt sie im Sitz und hält sich am Türgriff fest. Schweißperlen stehen ihr auf der Stirn. Sie hat Schmerzen, ja mehr als das, sie hat Wehen. Sie bekommt ihr erstes Kind und hofft, dass sie rechtzeitig im Krankenhaus ankommen. Ihren Mann konnte sie nicht erreichen, er ist bei der Arbeit. Also musste ihr Bruder einspringen.

 

Es klappt: gerade noch rechtzeitig kommen sie in der Klinik an. Kaum ist die junge Frau im Kreißsaal, bringt sie auch schon ihr Baby zur Welt. Eines mit relativ vielen und langen schwarzen Haaren – ganz der Mode entsprechend. Es ist ein Mädchen.

 

Und dieses Mädchen bin ich!

 

Mehr Herz

 

Nicht nur, dass ich fast im Sportwagen meines Onkels zur Welt komme. Nein, ich habe es so eilig, dass ich auch noch 2 Monate vor dem errechneten Geburtstermin das Licht der Welt erblicke. In den 1970er Jahren ist das ein ziemliches Drama.

 

Die Ordensschwestern, die die Frauenklinik betreiben, reagieren gefasst und machen erst mal eines: eine Nottaufe. Mit dem Segen von oben ist alles einfacher.

 

Die nächsten drei Stunden werde ich gründlich untersucht. Die Ärzte teilen meiner Mutter mit, dass sie einige Defekte an mir festgestellt haben, zum Beispiel sei meine Zunge zu lang und ich hätte einen Herzfehler.

 

Nachdem schließlich alles an mir durchgecheckt war, bringt man mich in einen Krankenwagen und ich fahre zusammen mit dem Notarzt in die rund 20 Kilometer entfernte Kinderklinik. Meine Mutter fährt nicht mit, sie hat ja schließlich gerade ein Baby zur Welt gebracht.

 

In der Kinderklinik wartet schon ein Brutkasten auf mich. Ich werde verkabelt und verbringe die nächsten vier Wochen in einem warmen Kasten aus Glas. Fremde Leute kümmern sich um mich. Und ich habe ganz viel Zeit, über das Leben nachzudenken, das auf mich zukommt!

 

Als ich schließlich entlassen werde und mein Leben endlich anfängt, geht es mir gut. Ich habe zugenommen und all die vorher festgestellten Defekte haben sich nicht bestätigt. Mein Herz schlägt kräftig und ohne Fehler!

 

40 Jahre später, im Jahr 2015

 

Ich sitze im Schneidersitz auf dem Boden und meditiere und bekomme plötzlich eine ganz klare Eingebung: „Buche einen Flug nach Dubai.“

 

In Dubai hatte ich vor einiger Zeit 2 Jahre gelebt und gearbeitet, ich bin aber seit 5 Jahren nicht mehr dort gewesen, nichts zog mich hin. Was ich dort soll, ist mir schleierhaft, aber ich setze mich tatsächlich hin und buche den Flug.

 

Zwei Tage nach meinem Geburtstag sitze ich schließlich im Flugzeug, das ist der Tag, an dem die German Wings Maschine in den Alpen abstürzt. Ich verbringe eine relativ entspannte Woche in Dubai, in der nichts außergewöhnliches passiert. Nur am letzten Tag treffe ich einen Bekannten, der mich fragt: „Hast du das von Giorgio gehört?“ Ich verneine und er erzählt mir, dass Giorgio Ungania, ein Italiener, den in Dubai viele kannten, kurz vor Weihnachten plötzlich gestorben ist. Er war 44, hinterlässt Frau und Kind und starb an Herzversagen.

 

Obwohl ich Giorgio nie persönlich getroffen habe, hat er mein Leben stark beeinflusst. Er organisierte nämlich 2009 die erste TEDx-Konferenz in Dubai, und ich war dabei. Dieses Erlebnis hat alle Teilnehmer total entfacht. Ich habe danach beschlossen, zu kündigen und mich selbständig zu machen! Giorgio war jemand, der intensiv gelebt und viele bedeutsame Dinge gemacht hat.

 

Die Jahre 2015 und 2016: Abschiede über Abschiede

 

Erst im September des Jahres 2015 denke ich wieder intensiv an dieses Ereignis. Denn das ist der Zeitpunkt, ab dem ich plötzlich an allen Ecken und Enden mit dem Tod in Berührung komme. Zum Glück nicht in meinem ganz engen Umfeld, aber doch so nah, dass es mich nicht kalt lässt und sich wie eine emotionale Achterbahnfahrt anfühlt.

 

Es beginnt mit Scott Dinsmore, einem 32-Jährigen, der während seines Traums, den Kilimandscharo zu besteigen, tödlich verunglückt. Das erfahre ich von TED.com, die sein Video zeigen, das schon ein bisschen älter ist. Das zu schauen und zu wissen, dass dieser junge, enthusiastische Mann nicht mehr lebt, ist sehr bedrückend. Ich weine bittere Tränen, obwohl ich Scott gar nicht kenne.

 

Am selben Wochenende stirbt einer der Kronprinzen von Dubai, ein erfolgreicher Reiter, er ist 33. Im Laufe der folgenden Monate werde ich immer wieder aufgeschreckt durch Todesnachrichten. Musiker Roger Cicero, Schauspielerin Miriam Pielhau und die Sportmoderatorin Jana Thiel sind in etwa so alt wie ich, als sie überraschend sterben. Guido Westerwelle, Prince, George Michael sterben in ihren 50ern. Und es gibt einige, die sehr viel jünger sind als ich, als sie sich verabschieden. Der Kanu-Trainer Stefan Henze wird 35, der Schauspieler Anton Yelchin (Star Trek) stirbt mit 27 und der Fußballer Niklas Feierabend mit nur 19. Alle drei sterben bei Unfällen.

 

Mir geht jedes Mal im Kopf herum: Wenigstens haben diese Menschen alle etwas aus ihrem Leben gemacht. Wahrscheinlich haben sie ihre Aufgaben erfüllt.

 

Und ich frage mich immer öfters: Was ist, wenn ich morgen sterbe? Habe ich meine Aufgaben im Leben erfüllt?

 

Mai – Oktober 2016

 

Eine Weile brauche ich, aber dann bin ich so weit: ich kündige im Mai meine Teilzeitstelle und arbeite  noch intensiver an meiner Aufgabe. Zu dieser Zeit heißt sie: dafür zu sorgen, dass es mehr Unternehmen gibt, in denen Menschen mit ihren Stärken und Talenten eine passendes Arbeitsumfeld finden.

 

Mittlerweile formuliere ich das so: Wir machen Unternehmen zu Lieblingsplätzen für alle!

 

Im September ist mein letzter Arbeitstag. Ein paar Wochen vorher passiert etwas Komisches: Mein Herz pocht plötzlich ganz laut und stark – und zwar die ganze Zeit. Ich habe ein beklemmendes Gefühl im Brustraum und gehe irgendwann zu meiner Ärztin. Sie ist sehr beunruhigt, nimmt Blut ab und hängt mich ans EKG. Dieses ist zwar nicht allzu auffällig, aber man erkennt Unregelmäßigkeiten im Herzschlag. Die Ärztin verschreibt mir einen Beta-Blocker (das ist ein Medikament, das den Herzschlag reguliert), zwar in der kleinsten Dosis, aber sie meint, das hilft mir. Und ja, es hilft, aber ich werde davon extrem müde. Also lasse ich die Tabletten wieder weg, was aber dann das Herz wieder zum Rasen bringt.

 

Weil ich am 1. Oktober in Urlaub nach Kalifornien fliege, gehe ich einen Tag vorher nochmals zu meiner Ärztin und bitte sie, mir ein natürliches Mittel mitzugeben, das ich – ohne Nebenwirkungen – nehmen kann. Sie ist äußerst nervös und würde mich am liebsten zum Kardiologen schicken, aber die Zeit reicht nicht. „Es ist bestimmt nichts Schlimmes“, beruhige ich nun meine Ärztin, „wahrscheinlich hängt das einfach mit der Veränderung und der Unsicherheit zusammen, die ich gerade spüre.“ „Na gut, ich schreibe Ihnen ein pflanzliches Mittel auf. Aber versprechen Sie mir, dass Sie den Beta-Blocker mitnehmen und ihn nehmen, wenn Sie etwas merken!“ Ich verspreche es.

 

Der Urlaub in Kalifornien ist wunderschön und verläuft ohne Zwischenfälle. Den Beta-Blocker brauche ich nur in der ersten Nacht. Für den Jet-Lag hilft er ziemlich gut.

 

 

 

 

Und dann kommt der 8. April 2017

 

An diesem Tag findet das Business-Expertenforum in Fürstenfeldbruck statt. Und ich moderiere. Das habe ich schon immer gerne gemacht, aber leider viel zu selten. Ich treffe dieses Mal ganz bewusst eine Entscheidung: „Mach es so, Gaby, wie du es machen willst und halte dich nicht an irgendwelche Regeln. Vertraue dir und deinem Herzen.“

 

Alles läuft wie am Schnürchen, und ich habe ziemlich viel Spaß. Die Zuschauer lasse ich LaOla machen und zum Schluss machen sie sie freiwillig – für mich!

 

Schon während des Tages, aber auch am Abend und noch Wochen danach (ja, teilweise noch heute), sprechen mich Leute auf meine Moderation an. Der Tenor: Du hast das so toll gemacht, dass wir dich in jedem Fall als Moderatorin buchen für unsere Veranstaltungen. Wir brauchen weder Sabine Christiansen noch Anne Will. Ich bekomme sogar ein Angebot, mich in die Casting-Kartei einer Agentur einzutragen und jemand fragt mich, ob ich ihn für ein Image-Video interviewen kann.

 

Natürlich freut mich das außerordentlich, aber ich bin am Anfang auch verwirrt und sage so Dinge wie: „Hey, ich war einfach so, wie ich bin. Da war nichts geprobt und nichts einstudiert!“ Und je öfters ich das sage, desto klarer wird mir: das ist der Schlüssel!

 

Mein Herz hat einfach das gemacht, was sich gut anfühlte. Und die Herzen der Zuschauer und der Referenten haben das verstanden. Übrigens nicht, weil ich mich selbst besonders gut präsentiert habe, sondern weil ich alle anderen habe glänzen lassen – aus ganzem Herzen. Denn: ein Herz hat jeder, auch wenn man das bei manchen nicht glaubt.

 

Die Wirtschaft braucht mehr Herz

 

Ab diesem Tag spüre ich selber immer mehr, wie angenehm es ist, das Herz eingeschaltet zu lassen und den Kopf auszuschalten – auch wenn es um geschäftliche Dinge geht.

 

Folglich füge ich das Herz ganz offiziell meiner Formel hinzu, finde passende Fotos und sehe plötzlich überall Herzen. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen (oder wie ein Stein vom Herzen): Was wir wirklich brauchen, um eine Wirtschaft zu gestalten, die gut ist für die Menschen ist: das Herz.

 

Bei all den Zahlen, Daten, Fakten, Renditeprognosen, Berechnungen, Plänen, Angeboten, Rezepten fehlt immer eines: das Herz! Und ich bin sicher, wenn wir mehr Herz im Geschäftsleben einsetzen, werden viele Dinge überflüssig.

 

Wer von Herz zu Herz kommuniziert braucht keine Feedback-Regeln. Auch keine Beurteilungsgespräche und keine Kundenumfragen. Wer anderen Menschen von Nutzen sein will, baucht keine komplizierten Customer Journey – Gebilde und keine Algorithmen, die berechnen, welcher Kunde am ehesten bereit ist, etwas zu kaufen. Und muss schon gar nicht Schummelsoftware oder Preisabsprachen benutzen, um seine Produkte zu verkaufen.

 

Wenn wir alle unser Herz eingeschaltet lassen, werden wir immer das Richtige tun. Tun wir es!

 

Deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Seit dem 15. November 2016 hat mein Herz sich komplett beruhigt. Damals fand der erste Wortwechsel in violett statt! Und diese persönliche Geschichte gab ich beim Wortwechsel im September 2017 erstmalig zum Besten.

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile spricht in dieser Geschichte zum ersten Mal über einige persönliche Dinge. Und glaubt nun zu wissen, warum ihrer Zeit stets voraus ist. Es liegt an der frühen Geburt.

Mehr über Gaby Feile

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