Die Wahrheit über New Work!

Gepostet von am 10 Apr 2017

Die Wahrheit über New Work!

 

 

Die Wahrheit über New Work!

 

 

 

Schlagwörter sind mir ein Gräuel. Genauso wie Schablonen und wie Schubladen. Alles viel zu „normal“.

 

Schlagwörter kommen irgendwann in Mode, werden inflationär genutzt, und bald weiß keiner mehr, was sie bedeuten. In der Tat wussten die meisten es wahrscheinlich nie.

 

So ging es mir mit dem Schlagwort New Work. Ganz ehrlich: ich dachte lange, das sei eine Wortschöpfung von XING und habe das nicht so ernst genommen. Bis ich vor einigen Monaten für einen Artikel zur Zukunft der Arbeit recherchierte und dabei mit Hilfe von Wikipedia auf Frithjof Bergmann, den Erfinder von New Work (Neue Arbeit), stieß.

 

Ich war erleichtert, berührt und total einverstanden mit seiner Definition:

„Bergmann geht es darum, dass jeder Mensch eine Arbeit finden kann und sollte in Übereinstimmung mit seinen eigenen Wünschen, Hoffnungen, Träumen und Begabungen.“

 

Hoch erfreut war ich, als ich im Programm der XING New Work Experience 2017 (#nwx17) entdeckte, dass Frithjof Bergmann nach Berlin kommen würde um über New Work zu sprechen. Wie gut, dass ich eine Einladung zur Konferenz bekommen hatte. Das war kein Zufall!

 

Die Wahrheit über New Work Zukunft

 

New Work – gibt’s das überhaupt?

 

Die gesamte Konferenz von XING war sehr hochwertig organisiert: 800 begeisterte New Worker, eine beeindruckende Liste der SprecherInnen und Workshop-LeiterInnen, viel Unterhaltung, tolles Essen und unglaublich viel Information.

 

Schnell wurde allerdings deutlich, wie das mit Schlagwörtern so ist: Unter New Work versteht jeder etwas anderes. Home Office, flache Hierarchien, Teilzeit, familienfreundliche Arbeit, Digitalisierung, Agilität, Open Space – all dies und noch viel mehr hörte man in Gesprächen. Ich habe übrigens niemanden getroffen, der ernsthaft Obstkörbe oder Kickertische zu New Work zählte.

 

Die Experten, Denker und Praktiker stellten ebenfalls völlig unterschiedliche Ansätze, Vorstellungen und Lösungen vor. Vieles fand ich sehr gut, anderes irgendwie fehl am Platz. Bei manchen Themen fragte man sich, ob sie nur wegen des dazu gehörigen Sponsorings ins Programm genommen wurden.

 

Viele der Ansätze sind sicher irgendwie Teil von einer neuen Art zu arbeiten. Denn: sie sind ganz klar nicht „alt“. Andererseits sind viele davon auch nicht neu, selbst wenn sie einen hippen Namen haben. Das meiste könnte man einfach unter „menschlich sein“ zusammenfassen, dazu bräuchte es keine, ähäm, Schlagwörter.

 

Mein Zwischenfazit lautete deshalb:

 

 

Ein Problem in Büroetagen?

 

In den Vorträgen, Workshops und Gesprächen wurde deutlich, dass das Thema New Work hauptsächlich in Kreisen diskutiert wird, die in irgendeiner Form mit Kopf- oder Büroarbeit zu tun haben.

 

Und dazu fallen mir folgende Fragen ein:

  • Warum beschäftigen sich hauptsächlich Schreibtischtäter mit Formen der Neuen Arbeit?
  • Liegt es daran, dass sie plötzlich merken, dass sie ersetzlich sind (durch Computer, Algorithmen oder jemanden in Osteuropa oder Asien)?
  • Oder ist Büroarbeit doch weniger attraktiv als körperliche oder gestalterische Arbeit?
  • Was genau fehlt den Büroarbeitern – und zwar wirklich? Ist es Sinn, sichtbare Ergebnisse oder Freiraum?
  • Warum „beschweren“ sich diese Menschen über ihre Arbeitsbedingungen, die ja objektiv wesentlich besser sind als die von vielen anderen?
  • Und warum sind so viele Freiberufler und Selbständige Verfechter von New Work? Sie haben doch das vermeintlich Wichtigste schon: Freiheit.
  • Welche Vorstellungen von New Work haben Menschen, die in der Produktion, auf dem Bau, im Handwerk, in der Logistik, im Handel, in der Pflege oder in der Gastronomie arbeiten?
  • Hat das Ganze wirklich nur mit Arbeit zu tun oder geht es um etwas völlig anderes, zum Beispiel um eine neue Kultur, ein neues Wirtschaftssystem, ein neues Verständnis oder eine neue Ordnung?

 

Endlich: die Wahrheit über New Work

 

Es war schon halb sechs Uhr nachmittags als der „Vater“ des New-Work-Gedankens auf die Bühne kam. Der 87-jährige Frithjof Bergmann wurde zum Rap von Onkel Bernie im Rollstuhl auf die Bühne geschoben und war von Anfang an total „angeknipst“. Das nennt man wohl Charisma, wenn jemand sofort alle Sympathien auf seiner Seite hat. Irgendwie erinnerte er mit seiner Art ein bisschen an Helmut Schmidt – nur ohne Zigaretten.

 

Bergmann schaffte es, mit Charme, Humor, Schlagfertigkeit und absoluter Ehrlichkeit, all das, was wir den ganzen Tag gehört, diskutiert und erlebt hatten, völlig in Frage zu stellen. Denn ganz ehrlich: das hatte alles nicht wirklich etwas mit echter Neuer Arbeit zu tun, wie er sie sich seit den 1970ern vorstellt.

 

Er hatte damals die Aufgabe, Fließbandarbeitern in der amerikanischen Autostadt Flint eine neue berufliche Perspektive aufzuzeigen, als ihre Jobs gestrichen und durch Computer ersetzt wurden. New Work wurde geboren, als er, zusammen mit seinem Team, folgende Lösung fand: Statt Massenentlassungen sollte es für alle Arbeiter die Möglichkeit geben, 6 Monate weiter im Unternehmen zu arbeiten. Während der nächsten 6 Monate kümmerten sich Experten im „Zentrum für neue Arbeit“ um die Menschen und halfen ihnen, herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollten.

 

Lebenslange Suche: Was willst du wirklich, wirklich?

 

Das Schwierige, so Bergmann, ist, dass die meisten Menschen überhaupt nicht wissen, was sie wirklich, wirklich wollen. Erziehung, Gesellschaft, Glaube usw. tragen ihren Teil dazu bei, dass wir uns selbst nicht gut genug kennen. Um herauszufinden, was es ist, was man wirklich, wirklich will, gehen die Experten in den Zentren für Neue Arbeit (von denen es weltweit immer mehr gibt) zum Beispiel so vor:

 

Sie fordern die Menschen auf, sich zu fragen:

 

„Gab es in den letzten Tagen etwas, das mir eine unerwartete „Freude“ (a „pleasure“) gegeben hat?“

 

Wenn es so etwas gab, dann lohnt es sich, darüber nachzudenken. Daraus lässt sich ableiten, was es genau ist, was dir Freude macht. Und daraus wiederum kann man schließen, was du tun kannst, um diese Freude regelmäßig zu spüren. Das Ganze kann sehr lange dauern – und nicht nur das: was wir wirklich, wirklich wollen ändert sich häufig. Deshalb haben die Berater in den Zentren für Neue Arbeit in der Regel eine langfristige Verbindung zu ihren Klienten.

 

Die allerwichtigste Aussage

 

„Die Gesellschaft der Zukunft wird eine Zukunft sein, in der alles alles stärkt. Vom Kindergarten an stärken wir Menschen. Das ist es, was wir brauchen!“

 

Diese Aussage wurde zum markanten Schlusswort von Bergmanns Auftritt, weil es die Zuschauer nicht mehr auf ihren Plätzen hielt. Sie ehrten ihn mit stehenden Ovationen.

 

Und ich glaube, dass er damit den Punkt in den Menschen berührt hat, um den es wirklich, wirklich geht! Wir alle haben Talente und Stärken, die wir gerne nutzen wollen. Vielleicht kennen wir diese noch gar nicht, aber wir können sie entdecken.

 

Das jetzige (Arbeits-)System, sieht das allerdings nicht vor. Hier bestimmen Abschlüsse, Status, Stellenbeschreibungen und „der Kunde“, was unsere Aufgaben sind. Und wir müssen ins System passen! Wohlgemerkt: diese Form der Lohnarbeit gibt es erst seit ungefähr 200 Jahren. Gearbeitet haben Menschen vorher aber auch schon.

 

Die Wahrheit über New Work Blumen

 

Und wie geht das Ganze praktisch?

 

Diese Frage schwebte im Raum und zieht sich auch durch die Kommentare und Aussagen, die im Netz umherschwirren. Meist zielen sie darauf ab, herauszufinden wie man davon leben kann (Stichwort: Geld). Ohne Bergmanns Buch „Neue Arbeit, Neue Kultur“ bisher gelesen zu haben (es liegt bereit), denke ich, dass es keine einfache Schablone dafür gibt. Und das ist gut so.

 

Tipp: Es gibt hier Antworten zu häufigen Fragen (in Englisch).

 

Eines wird deutlich: man muss mit den Menschen beginnen, und zwar mit jedem Einzelnen. Alles, was man an anderer Stelle in Unternehmen oder Systemen ändert, führt lediglich zu einem hässlichen Flickwerk.

 

Es ist oberflächlich wie Kosmetik, es ist feige wie eine Maskierung und es ist verlogen wie ein Politiker im Wahlkampf,

meint deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Dieses Thema ist so umfassend und faszinierend, dass man ihm nicht in einem einzigen Artikel gerecht wird. Ich verspreche, dass ich mich ganz praktisch damit beschäftige. Und ich fange damit an, dich zu fragen, was du wirklich, wirklich willst.

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile glaubt, dass jeder Mensch Stärken und Talente hat, die er einsetzen will – ja muss. Und ist sich sicher: Wenn wir alle das tun, was wir wirklich, wirklich wollen, wird sich unsere Welt verändern. Zum Positiven.

Mehr zu Gaby Feile


Nachtrag 13. April 2017: Ich steuere diesen Artikel zur Blogparade #newwork17 bei, einfach weil’s passt.

 

Wenn du dir den Auftritt von Frithjof Bergmann in Berlin anschauen willst, empfehle ich dieses knapp 1-stündige Video:

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Toller Beitrag!

    • Dankeschön!

  2. Hallo Gaby, Du fragst, warum so viele Freiberufler und Selbständige Verfechter von New Work sind. Ich habe mich vor 8 Jahren selbstständig gemacht, weil ich gefühlt habe, dass irgendwas faul ist mit der Arbeitswelt. Ich wollte das so nicht mehr, wollte es – irgendwas – anders machen. Daher finde ich es fantastisch, dass es jetzt Thesen und Themen zu unterstützen und zu verbreiten gibt, mit denen ich etwas gegen diesen „Befall“ tun kann. Außerdem bin ich ja auch als Freelancer, Ehefrau, Nachbarin, Freundin… noch irgendwie (mit-)gefangen im täglichen „Management-by-DickeHose“-Wahnsinn. Das hilft mir, den Blick auf die Dinge, die sich ändern müssen nicht zu verlieren. Außerdem gebe ich Dir Recht – es geht definitiv um etwas völlig anderes, es eine „neue Ordnung“ zu nennen, scheint erst mal weit hergeholt, aber wenn man sich länger mit dem Weltgeschehen beschäftigt (und das hat Frau mit fast 50 Jahren zwangsläufig getan) dann erscheint die Sehnsucht nach einer neuen Ordnung gar nicht mehr so vermessen. Finde ich. Was meinst Du?

    • Hallo Andrea,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar samt Antworten auf manche meiner Fragen. Die Erfahrung, die du gemacht hast, teilst du bestimmt mit vielen Selbständigen, Freiberuflern und Unternehmern. Viele (auch ich) wollen der Tretmühle entkommen, weil die Perspektiven dort nicht sehr rosig sind. Und, zumindest war es bei mir so, die Möglichkeiten, etwas zu ändern, sehr eingeschränkt und nicht zufriedenstellend. Statt zu jammern, wird man aktiv. Und das ist gut so! Allerdings glaube bzw. weiß ich, dass viele Selbständige sehr zu kämpfen haben, um „über die Runden zu kommen“. Die Sicherheit, die ein fester Job mit sich bringt, ist halt auch nicht zu verachten. Wie wäre es denn, wenn wir das Beste aus beiden Welten bekommen könnten? Wie sähen solche „Arbeitsverhältnisse“ aus und welche Auswirkungen hätte das? Je mehr ich darüber nachdenke, desto sinnvoller erscheint mir das.

      Ja, die neue Ordnung, die mir beim Schreiben einfiel, scheinen sich viele Menschen zu wünschen, ohne es sich unbedingt bewusst zu sein. An vielen Ecken entwicklen sich momentan Bewegungen, Menschen gehen für etwas auf die Straße, die Rufe nach einem neuen „System“ werden lauter. Und wie du sagst, wenn man das Ganze aus der Distanz betrachtet, wird das noch deutlicher. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt ist enorm. Und wenn wir sie wollen, müssen wir etwas tun – jeder in seinem Bereich. Wichtig ist nur, dass wir alle an demselben Puzzle arbeiten, sonst passen die Teile später nicht zusammen. Es gibt also viel zu tun. Tun wir es!

      Herzliche Grüße von deiner Kommplizin Gaby Feile

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